Industrienatur – Industriebrachen im Ruhrgebiet

Tetraeder - Brachen im Ruhrgebiet © Peter Schütz

Mit Kohle fing alles an.
Die Geburtsstunde der alten Kohleregion „Ruhrgebiet“ geht auf das 12. oder 13. Jahrhundert zurück, damals brannte das Feuer eines Schäfers wegen „brennender Steine“ immer weiter – so ist es überliefert. 1535 gab es dann das erste Kohlenbergwerk im heutigen Essen-Altendorf.

Heute ein Ballungsraum mit immerhin noch rund 8.000 ha Brache
500 Jahre nach dem ersten Bergwerk leben hier über 5 Mio Menschen. Aber der Kohlebergbau ist inzwischen schon wieder Geschichte. Nicht aber sein Erbe: Rund 8.000 Hektar Fläche werden nicht mehr genutzt, sie sind brach gefallen. Es sind Industrie- und Gewerbebrachen sowie Bergbauhalden. Step by step werden sie wieder genutzt. Da, wo es sich lohnt, werden sie wieder bebaut. Daher ist die Tendenz fallend, die jetzt noch rund 8.000 ha werden voraussichtlich in den kommenden Jahrzehnten deutlich weniger werden.

Brachen mit neuer Wildnis
Diese Brachflächen sind für uns Erholungsraum, Abenteuerspielplatz und „grüne Lunge“. Für eine, verglichen mit dem städtischen Umland relativ hohe Zahl an Pflanzen- und Tierarten sind sie der einzige Lebensraum im Ruhrgebiet. Verglichen mit gepflegten Gärten und gestalteten Parks sind Brachen eher wie eine „Wildnis“ mit Arten wie Ödlandschrecken, Kreuzkröten, Mauereidechsen, Flußregenpfeifern und Füchsen. Darunter viele Arten, die Wärme lieben wie Wespenspinnen, Weinhähnchen sowie jüngst auch die aus den warmen Regionen Süd- und Mitteldeutschlands eingewanderten Gottesanbeterinnen.

 

Auch neue Heimat für importierte Arten
Diese Wildnis-Inseln bieten aber auch noch viel Platz für neue Arten, die vom Menschen aus anderen Kontinenten eingeführt wurden wie Schmetterlingsflieder (Asien), Robinien (Nordamerika), Essigbäume (Nordamerika), Götterbäume (Asien), Schmalblättriges Greiskraut (Südafrika), Klebriger Alant (Nordafrika) oder Kanadische Goldrute.

Was tun mit den Brachflächen, die nicht bebaut werden?
An Brachflächen scheiden sich die Geister. Für die einen ist die neue Wildnis ein Hot Spot der Artenvielfalt und naturschutzwürdig, für andere sind es Flächen mit unnützem Wildwuchs, die einer vernünftigen Nutzung zugeführt werden sollten. Die Abwägung unterliegt meist landes- oder kommunalpolitischen Entscheidungen. Über die Jahre hinweg haben diese Abwägungen in der Summe jedoch eine Abnahme der Brache-Wildnis bewirkt.

Einige große Brachen bleiben aber erhalten. Sie sind in Verbindung mit Industriedenkmälern gesichert, so z.B. der Landschaftspark Duisburg-Nord, das UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein oder bestimmte Wälder, die sich auf solchen „Restflächen“ entwickeln konnten. Also: trotz weiterer Bebauung wird die Wildnis auf Brachen im Ruhrgebiet nicht ganz verschwinden.

Ohne „Pflege“ wird offener Boden zur Mangelware
Die Wildnis auf Brachen wird also nicht ganz verschwinden! Ist damit alles gut? Nein, nicht alles. Denn (fast) jede Brache altert und wird am Ende zu Wald. Entstehen dann keine neuen Brachen mehr, verschwinden alle Arten, die offene Böden brauchen: Ödlandschrecken, Kreuzkröten, Mauereidechsen, Flussregenpfeifer oder Feldlerchen – sie alle werden vom Wald verdrängt, denn sie kommen im Wald nicht klar. Damit genau das nicht passiert, muss ein Teil der Brachen ihren offenen Boden behalten. Ihr Boden muss dafür regelmäßig alle paar Jahre gepflegt oder in geeigneter Weise genutzt werden. Damit wird die Brache zum „Park“. Aber eben zu einem „Wildnis-Park“, nicht zu einem „durchgestylten“ Park mit Zierrasen, Staudenbeeten oder Gehölzpflanzungen.
EU-Förderprogramme bieten genau solche Möglichkeiten: Brachen zu einem Teil für Gewerbe und neue Wohnquartiere erschließen, und zu einem anderen Teil zu Grünflächen entwickeln. Aber eben nicht nur zum „0-8-15“-Grün, sondern im typischen Brache-Style mit offenem Boden für Ödlandschrecke, Kreuzkröte, Feldlerche & Co!

© Wildes Ruhrgebiet – Peter Schütz⁠